Verden. Der „Heimatkalender für den Landkreis Verden 2012“ ist da. Auf 360 Seiten bietet das Jahrbuch zur Orts- und Regionalgeschichte 31 Beiträge von 28 Autoren. Der in einer Auflage von 2.500 Exemplaren erschienene 55. Jahrgang des Kalenders ist für 8,20 Euro im Handel erhältlich.
Wie gewohnt zeichnet sich das Jahrbuch durch große Themenvielfalt aus, allerdings sind zwei Teilschwerpunkte erkennbar: Vier Beiträge widmen sich mittelalterlichen Fragestellungen, vier weitere behandeln bestimmte Aspekte des von den Nationalsozialisten vom Zaune gebrochenen Zweiten Weltkrieges.
„Wann ist Langwedel entstanden?“, dieser Frage geht Prof. Armin Schöne mittels interessanter Überlegungen nach und vermutet letztlich eine Entstehung Langwedels etwa 500 n. Chr.
Der Historiker Dr. Adolf E. Hofmeister hat die Geschichte der Ritter von der Etzen aus Eitze untersucht und stellt die Funktionen des vom 13. bis 15. Jahrhundert nachweisbaren Geschlechts im Hof- und Kriegsdienst des Verdener Bischofs, ihr Wappen sowie Genealogie und Besitzungen dar.
Kritisch prüft Manfred Ringmann alte Überlieferungen zur Gründung der Michaelis-Kirche zu Intschede und kommt zu dem Schluss, in Otto VII. von Oldenburg-Altenbruchhausen (um 1347) den Stifter der Kirche zu sehen.
Das Frauenkloster „Mariengarten“ in Verden, gestiftet 1476, existierte (im Bereich des norderstädtischen Marktes) nur knapp 100 Jahre. Neues zur Ordenszugehörigkeit und Besitzgeschichte stellen Dr. Arend Mindermann und Dr. Ida-Christine Riggert-Mindermann vor.
Den Einsatz 15- und 16-jähriger Achimer und Verdener Mittelschüler als „Marinehelfer“ im Kriegsdienst 1943/44 hat der Zeitzeuge August Jahns nüchtern-sachlich nachgezeichnet. – Jens-Michael Brandes berichtet vom Schicksal einer Reihe von amerikanischen Fliegern, die am 08.10.1943 an einem großen Luftangriff auf Bremen teilnahmen und bei Verden-Eissel, Fischerhude, Quelkhorn, Intschede und Rockwinkel/Bremen abstürzten.
Die spannende Geschichte der höchst geheimen Aufstellung von V2-Raketen im Frühjahr 1945 im Raum Kirchlinteln rekonstruiert Dr. Dieter Hasselhof (1. Teil im Heimatkalender 2011). Im 2. Teil beschreibt er u. a. die Abschussstellungen und Anlieferungsbahnhöfe (für die benötigten Materialien) und erzählt von einem mutmaßlichen britischen Spion, der in Jeddingen einen Polizisten niederschoss.
Dr. Joachim Woock hat Fälle von „Kriegsverrätern“ und Deserteuren (1939-1945) aus dem bzweise im Landkreis Verden recherchiert und beschrieben; angefügt ist ein Erinnerungsbericht Dr. Wilfried Otterstedts aus Otterstedt zu seiner Fahnenflucht 1945.
Folgend einige weitere Beispiele interessanter Beiträge im Heimatkalender 2012: Die soziale und wirtschaftliche Entwicklung von Bollen zeigen Reinhard Dietrich und Heinz Früchtenicht auf, um anschließend vor allem für Familienforscher interessante Hofbesitzerfolgen (16.-21. Jh.) zu präsentieren.
In seiner Analyse und Darstellung zur Geschichte der freien Turnbewegung in Verden bis 1914 macht Hermann Deuter deutlich, dass Vereinsturnen in Verden bereits 1850 begann und dass es bis 1914 zahlreiche Diskontinuitäten und Umbrüche gab. Demnach gehören acht Turnvereine zu den Vorläuferorganisationen des heutigen Verdener Turnvereins (TV) „von 1861“, darunter auch ein 1899 gegründeter Damen-Turnverein. Mit seiner fundierten Darstellung füllt H. Deuter zweifelsohne eine bisher vorhandene Lücke.
Johann Osmers stellt mit Wilhelm Peets (1861-1924) einen Lehrer, Insektenforscher und Freund von Hermann Löns aus Hülsen vor.
Über das rasante Fortschritte machende Kulturzentrum Dörverden (Ehmken Hoff) informiert Rainer Herbst.
Von Ernst Siedenberg wurden interessante Erinnerungen an seine Lehrzeit als Schmied (1937-1940) verfasst, unter anderem mit Beschreibungen des Hufe Beschlagens und des Aufziehens eiserner Reifen auf Ackerwagenräder. Zudem schildert er in einem weiteren Beitrag örtliche Bestattungsbräuche („All’s geiht eenmal dorhen“).
Auf Jubiläen bezogen sind die Aufsätze: 775 Jahre Haberloh (Gerd Brandt), 100 Jahre Etelsen-Steinberg (Horst Mühlenfeld) und 175 Jahre Liedertafel Verden (Hans-Günter Köster).
Naturkundliche Beiträge, platt- und hochdeutsche Erzählungen sowie allgemeine Informationen runden den Inhalt des ebenso informativen wie unterhaltsamen Jahrbuches ab.