Türkischer Halbmond vom Packhaus gefallen

Thedinghausen. Wieso ausgerechnet eine Braunschweiger Straße durch den Ort führt, kann fast jedes Kind beantworten. Die Frage, was ein türkischer Halbmond auf dem Dach der Rathausscheune zu suchen hat, ist schon etwas kniffliger.

Gerd Schröder zeigt den durchgerosteten türkischen Halbmond.

Gerd Schröder zeigt den durchgerosteten türkischen Halbmond.

Fakt ist aber, dass Regen dem historischen Blech so sehr zugesetzt hat, dass die Figur durchgerostet und vom Dach gefallen ist. Wenn es nach Bürgermeister Gerd Schröder geht, soll schnellstmöglich Ersatz beschafft werden.

Der türkische Halbmond bildete die Spitze eines Glockentürmchen, das etwa im Jahr 1855 auf das Packhaus (heute Rathausscheune) gesetzt wurde. Initiiert wurde der Bau vom damaligen Eigentümer Dr. med. Wilhelm Grimm. Dieser hat den Halbmond zu Ehren seiner Großmutter, einer Türkin, anbringen lassen.

Das Schicksal dieser Frau war sehr ungewöhnlich. Sie wurde vermutlich 1722 in der türkischen Stadt Oszakow geboren und wuchs reich und wohlbehütet auf. Im russisch-türkischen Krieg wurde Oszakow 1738 völlig zerstört. Der auf russischer Seite als Offizier kämpfende braunschweigische Prinz Anton Ulrich suchte sich aus dem Haufen Gefangener das hübsche Mädchen Abbas Cachiane Rhebisch als Kriegsbeute aus und brachte sie nach Petersburg. Man fand Gefallen an dem schönen und klugen Mädchen, gab ihm Unterricht in Deutsch und der christlichen Religion. Sie wurde in getauft und erhielt den Namen Anna Charlotte Rhebisch.

Prinz Anton Ulrich nahm die Türkin mit nach Blankenburg, um sie seiner Großmutter, der Herzogin Christine Louise, als Gesellschafterin zur Verfügung zu stellen. Anna Charlotte hatte bald das Vertrauen der Herzogin gewonnen. Um die Zukunft ihrer Schutzbefohlenen sicherzustellen, begünstigte die Herzogin deren Verbindung mit Pastor Christian Moritz Grimm und versprach großzügige finanzielle Unterstützung. Unglücklicherweise starb die Herzogin jedoch einige Tage vor der Hochzeit. Damit änderte sich alles. Hofintrigen verhinderten die Auszahlung der Aussteuer. Dennoch wurde in aller Stille geheiratet.

Sehr arm folgte die junge Pastorenfrau ihrem Mann in den Harz, wo sie ein entbehrungsreiches Leben führen musste. Neun Kinder brachte sie bis zu ihrem Tod 1766 zur Welt. Ihr Enkel, Wilhelm Grimm, der 1835 nach Thedinghausen kam, wollte mit dem türkischen Halbmond seiner Großmutter, die er nie gesehen hatte, nachträglich seine Zuneigung beweisen.

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